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Die Wahl der Überwinterungsgebiete durch westziehende Weissstörche erfolgt, unter Einbeziehung der vorgenannten Fakten, aller Wahrscheinlichkeit nach entlang folgender Kriterien:

  • Der westafrikanische "Überwinterungsgürtel" ist durch die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge und die Vegetationsstruktur vorgegeben;
  • Innerhalb dieses "Überwinterungsgürtels" werden die Schwerpunktgebiete anhand der Verfügbarkeit und Erbeutbarkeit von Nahrungsressourcen aufgewählt;
  • Heuschrecken (Acrididae) sind die bedeutendste Nahrungsressource. Sandiger Boden bietet den Heuschtecken geeignete Brutbedingungen. Eiablage der Heuschrecken erfogt nach den ersten Niederschlägen, Massenauftreten von Heuschrecken deshalb erst mehrere Wochen später, wenn die Vegetation bereits vertrocknet ist. Optimal sind deshalb Niederschläge, die 1-2 Monate vor Eintreffen der Störche gefallen sind. Bleiben Niederschläge während eines Jahres völlig aus, dann fehlen auch Heuschrecken als Nahrungsressource;
  • Die Tatsache, dass selbst die nahrungsreichen Feuchtgebiete des Niger-Binnendeltas nicht als Überwinterungsplätze genutzt weden, spricht dafür, dass die dortigen amphibischen Lebensräume trotz hohen Nahrungstier-Aufkommens als Nahrungsressource nicht die Qualität erreichen, die starkes Vorkommen von Heuschrecken in trockenen Zonen bietet. Vermutlich allerdings erlangt das Niger-Binnendelta in dehr trockenen bzw. Dürrejahren grössere Bedeutung als in den in dieser Arbeit vorestellten Untersuchungsjahren.

Verschiedene Fakten, die in dieser Untersuchung ermittelt wurden, geben Hinweise auf den Schutzstatus des Weissstorchs im westafrikanischen Überwinterungsgebiet und lassen Schlüsse auf umzusetzende Schutzmaßnahmen zu:

  • Weissstörche überwintern überwiegend in landwirtschaftlich nicht genutzten Gebieten, weitab von menschlichen Siedlungen. Deshalb besteht nur geringe Wahrscheinlichkeit von Verlusten durch Verfolgung bzw. Bejagung. Lediglich in der Nähe der Stadt Ayoun-el-Atrous in Südmauretanien sowie im Niger-Binnendelta ergeben sich aufgrund der dort höheren Dichte von Siedlungen Ansatzpunkte für eine stärkere Bejagung. In beiden letztgenannten Gebieten erscheint es sinnvoll, Massnahmen zur Reduzierung der Bejagung umzusetzen, in anderen Regionen Westafrikas sind solche Massnahmen für den Weissstorch derzeit nicht erforderlich;
  • Die Vögel halten sich in bisher weitgehend unbeeinflussten Lebensräumen auf. Die Notwendigkeit für Habitätschutzassnahmen besteht somit nicht. Im eigentlichen Niger-Binnendelta mit seiner intensiven landwirtschaftlichen Nutzung sind Habitatschutzmassnahmen für Wasservögel grundsätzlich sicherlich von Bedeutung. Habitatschutzmassnahmen für den Weissstorch sind deshalb auch im Niger-Binnendelta nicht erforderlich;
  • Die wichtigste Voraussetzung für das "Wohlergehen" der in Westafrika überwinternden Wissstörche ist durch Schtzmassnahmen nicht beeinflussbar: Die Vögel benötigen eine ergiebige Regenzeit, mit Niederschlägen, die mind. 1-2 Monate vor Eintreffen der Vögel fallen. Diese Niederschläge sorgen für optimale Nahrungsressourcen abseits besiedelter Gebiete und ausserhalb des Niger-Binnendeltas und somit einerseits für körperlich gute Kondition der Vögel, andererseits für geringen Bejagungsdruck.

Adresse des Autors:
Dr. Holger Schulz
Goosstroot 1 D-24861 Bergenhusen
Tel.: 0049-4885-902210
mail: schulz.wildlife@t-online.de

Ökologie überwinternder Weissstörche(ciconia ciconia) in Westafrika

© Dr. Holger Schulz, Bergenhusen
Ergebnisse aus dem Projekt "SOS Storch"
Projektträger: "Storch-Schweiz" (Schweiz. Gesellschaft für den Weissstorch)

Jegliche Verwendung und weitere Verarbeitung der Ergebnisse und Abbildungen aus dieser Arbeit ist nur möglich mit schriftlicher Genehmigung von Autor und Projektträger

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Die vorliegende Arbeit macht deutlich, dass die im Projekt SOS Storch erstmals angewandte Kombination der Methoden Satelliten- telemetrie, Zugbegleitung und Einbeziehung von Fernerkundungsdaten Zusammenhänge erkennen lässt, die bei Anwendung nur einer der Methoden verborgen geblieben wären. Die Möglichkeiten ökologischer Auswertungen mit den aus vielen anderen Satellitentelemetrie-Projekten vorliegenden gewaltigen Datenmengen wurden somit bisher bei weitem nicht ausgeschöpft.

  • Die Überwinterungsgebiete der westziehenden Weissstörche liegen im Sahel knapp südlich der Sahara, von 13 Grad N bis 18 Grad N und von 11 Grad W bis 9 Grad E. Die Hauptgebiete lagen in den Jahren 2000-2003 im Grenzbereich Südmauretanien/Mali und im Bereich des nördlichen Niger-Binnendelta in Mali;
  • Weissstörche überwintern in grossen Trupps bis über 1.000 Vögel. Einzelvögel oder Trupps von weniger als 100 sind selten;
    Die Überwinterungsgebiete liegen in der Zone durchschnittlicher Jahresniederschläge von 100-900 mm, die Kerngebiete in der Niederschlagszone 400-500mm;
  • Wichtigste bioökologische Zone der Überwinterungsgebiete ist die Sahel-Akazien-Savanne, teilweise auch die südlich davon gelegene Westsudan-Savanne, und nur zu geringem Teil die Flutsavanne des Niger-Binnendeltas;
  • Offenes Gras- und Buschland und locker bis moderat baumbewachsene Savannen sind die wichtigsten Habitate der Weissstorch-Überwinterungsgebiete in Westafrika und Sudan. Der häufigste Bodentyp ist Sand bzw. Sand mit eingestreuten steinigen/felsigen Abschnitten. Überwinterungsgebiete liegen oft inselartig inmitten ungeeigneter Regionen;
  • Überwinterungsplätze weisen überwiegend eine Bodendeckung aus vertrocknetem(!) Gras auf. Sie liegen oft in der Nachbarschaft trockengefallener Wadis mit Galerie"wäldern" aus Calotropis. Trockenrisse und Erosionsrinnen weisen allerdings in allen besuchten Gebieten darauf hin, dass in den Überwinterungsplätzen früher im Jahr (mindestens 1-2 Monate vor Eintreffen der Vögel) starke Niederschläge gefallen waren;
  • "Restpfützen" in den Wadis innerhalb der Überwinterungsplätze werden von den Vögeln zum Trinken und Abkühlen aufgesucht. Sie werten einen Überwinterungsplatz auf, sind aber offensichtlich nicht Vorausetzung. Einzelstehende Akazien oder Akazienwäldchen sind ein wichtiges Ausstattungsmerkmal der Überwinterungsplätze und dienen als Schlafplätze;
    Überwinterungsgebiete weisen inselartig bzw. punktförmig extrem hohe Heuschreckendichte auf (bis über 1.000 Individuen pro qm). Sie bieten somit optimale Nahrungsressourcen für die überwinternden Störche und werden gezielt aufgesucht;
  • Feuchtgebiete, Tümpel und grössere offene Wasserflächen werden nicht aufgesucht bzw. gemieden. Auch im Niger-Binnendelta suchen die Störche ausschliesslich trockene Bereiche auf. Gebiete mit grüner Vegetation (also erst kurz zurückliegenden Regenfällen) werden gemieden, die Präferenz liegt bei trockener Vegetation;
  • Nur im wichtigesten Überwinterungsgebit der Westzieher im Grenzbereich Mauretanien/Mali überschneidet sich der westafrikanische "Überwinterungsgürtel" mit der Region hoher Wahrscheinlichkeit von Wanderheuschreckenvorkommen.