Storchenhorste in der Schweiz

Storch Schweiz
Cigogne Suisse

 
 

Ein tragischer Unfall

Er kam nach Hombrechtikon zurück - um zu sterben

Max Zumbühl

Es war am 10. Juni 2011 als wir auf dem Hof Hasel in Hombrechtikon 29 Jungstörche beringen konnten, unter ihnen die 3 mit den Nummern HES SG375 bis HES SG377 vom Horst «Bäume oben 03». Der weit vom Stamm entfernt gebaute Horst hing bei der Beringung schon beängstigend schief. Hoffentlich stürzt er nicht ab, vermerkte ich im Tagebuch. Leider stürzte er sieben Tage später doch wie befürchtet ab. Alle drei Jungen überlebten glücklicherweise den Absturz und staksten, des Fliegens noch unfähig, auf der Weide unter den Horstbäumen herum. Einer von ihnen ging 10 Tage später leider ein, die beiden anderen entzogen sich etwas später unserer Beobachtung.

Drei Jahre später erreichte uns die erste Ringfundmeldung von SG377. Laut dieser hat er 2014 in Böhringen gebrütet und zwei Junge durchgebracht. 2015 las man SG377 in Neerach ab, 2016 in Radolfzell und 2017 brütete er wieder in Böhringen und brachte ein Junges zum Ausfliegen. Am 16. Februar 2018 wurde er in Aiguamolls de l’Emporda in Spanien beobachtet, entpuppte sich dadurch als korrekt in den Süden ziehenden Storch. Kurz darauf traf er wieder in Böhringen ein, brütete mit einem Bruterfolg von drei Jungen. 2019 sah man SG 377 im Mai im schaffhausischen Ramsen, dann kehrte er nach Böhringen zurück um auf der gleichen Fichte wie die beiden Jahre zuvor zu brüten. Ob mit der gleichen Partnerin ist unklar, ebenso auch wie viele Junge dieses Jahr dieser Brut entsprossen.

Am 1. Oktober 2019 war ich wieder einmal auf einer Vogelpirsch am Lützelsee. Xaver Eberhard, der Bauer vom Hof Hasel, auf dessen Bäumen SG377 einst schlüpfte, machte mich auf einen toten Storch im Gebüsch unter der Eiche am Weg zur Hueb aufmerksam.

Zusammen mit Walter Nater schleppten wir die schwere Auszugleiter vom Hasel bis zur abgestorbenen Eiche. Es war recht mühselig, die Leiter durch das dichte Gebüsch zu fädeln, um an den etwa in 5 Metern Höhe im Geäst hängenden Vogel heranzukommen.

Es bot sich uns ein trauriger Anblick. Mit dem Kopf in einer Astgabel eines Busches eingeklemmt hing der mit HES S G377 beringte Storch mit ausgebreiteten Flügeln und ins Leere baumelnden Läufen im Geäst. Es roch nach Verwesung und Maden verrieten, dass der Unfall schon vor zwei bis drei Wochen geschehen sein musste. Wir entsorgten den Kadaver und zuhause galt es nun anhand der Ringnummer die oben dargestellte Geschichte dieses Vogels zu rekonstruieren.

Es ist die Geschichte eines in Hombrechtikon geschlüpften Storches, der infolge des Horstabsturzes schon vor dem Flüggewerden einen schwierigen Start ins Leben erwischte. Dann aber hat er sich zu einem artgerecht ziehenden und erfolgreichen Brutstorch entwickelt. Und nun – hat er auf seinem Herbstzug in den Süden in unmittelbarer Nähe seines Geburtsortes eine Rast eingeschaltet, sich dazu auf der morschen Eiche niedergelassen, deren Ast wahrscheinlich unverhofft brach und der Storch darum überrascht ins Gebüsch fiel und sich in diesem auf tragische Weise erhängte.

Wahrhaft, er kam nach Hombrechtikon zurück – um in seinem jungen Alter von nur acht Jahren zu sterben.  

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