Senderstorch Lenny nach 7 Jahren verschollen

Im Jahr 2013 wurde der Storch Lenny mit einem solargespeisten Datenlogger versehen, um seinen Zug lückenlos überwachen zu können. Er hat seitdem Zehntausende wertvolle Datensätze geliefert. Seit Anfang Februar ist der HiTech-Sender verstummt. Vermutlich ist Lenny in Spanien verunglückt.

Seit „Storch Schweiz“ im Jahr 2000 sein Projekt „SOS Storch“ ins Leben rief, wurden insgesamt 155 Weissstörche mit Satellitensendern bzw. HiTech-Datenloggern versehen. Sie lieferten bis heute annähernd 2 Millionen Koordinaten, die seitdem erheblich dazu beigetragen haben, das Zugverhalten der Störche besser zu verstehen. Die Sendeeinheiten werden durch Solarzellen mit Energie versorgt und können theoretisch unbegrenzt funktionieren. In der Realität jedoch fallen die meisten nach wenigen Jahren aus, entweder aufgrund technischer Probleme oder weil die Vögel verunglückt sind oder getötet wurden.

Ganz anders dagegen beim Storch Lenny. Er und sein Logger funktionierten makellos über viele Jahre. Der Storch, der im Baseler Zoo auf dem „Horst Zügelbaum“ brütete, wurde am 25. Juni 2013 als ausgewachsener Altvogel mit einem Datenlogger besendert, einem Sendegerät, das per GPS auf wenige Meter genaue Koordinaten erfasst und diese per Mobilfunk an die Forscher überträgt. Fast sieben Jahre lang lieferte der Logger ununterbrochen Daten. Im Herbst zog Lenny alljährlich nach Süden und kehrte im Frühjahr zum Brüten stets in den Zolli zurück. Die Menschen in Basel fieberten ihrer Rückkehr entgegen, sie wurde bald zu einem regelrechten Medienstar. Bis heute lieferte Lenny insgesamt 81.049 Datensätze. In diesem Jahr jedoch (2020) warten die Lenny-Fans bisher vergeblich. Seit dem 7. Februar trafen zwar weiterhin sporadisch Koordinaten ein, aber sie kamen allesamt aus einem kleinen Bereich von nur wenigen Metern Ausdehnung, gelegen in einer unzugänglichen Bergregion am Tejo-Fluss, nahe des kleinen Orts Gualda, ca. 80 km nordöstlich von Madrid. Die Ursache ist bisher unbekannt. Vermutlich ist der Vogel dort verunglückt oder er wurde getötet. Ein Team des spanischen Projektpartners SEO (BirdLife Spanien) versucht derzeit, den Vogel bzw. den Datenlogger zu finden.

Die mehr als sieben Jahre lange Datenreihe von Lennys Zugbewegungen ist auch für die Forscher von „Storch Schweiz“ von besonderem Wert. Sie ermöglicht es, zu analysieren, wie ein einzelner Storch über die Jahre hinweg seine Rast- und Überwinterungsgebiete wählt. Nach der Besenderung im Jahr 2013 nutze Lenny zur Nahrungssuche zunächst das Agrarland im Umkreis von etwa 15 km um seinen Brutort. Häufig hielt er sich ca. 8 km südlich vom Zoo auf den Wiesen und Feldern zwischen Biel-Benken und Ettingen auf oder 8 km westlich vom Zoo im Agrarland zwischen Grenzach-Wyhlen und Rheinfelden. In dieser Zeit wurde erstmal auch der Aufenthalt auf einer Mülldeponie festgestellt: Am 22. Juli 2013 besuchte der Storch die Deponie Schwörstadt in Deutschland, ca. 25 km östlich vom Neststandort.

Den ersten Zug nach Süden begann Lenny am 23. Juli 2013. Sie flog entlang des Rhonetals nach Südfrankreich, folgte von dort aus der Mittelmeerküste nach Südwesten, überquerte die östlichen Ausläufer der Pyrenäen nicht weit entfernt vom Mittelmeer und zog dann etwa diagonal in südwestlicher Richtung durch Spanien bis in die Südspitze der Iberischen Halbinsel. Auf ihrem Weg durch Spanien „hangelte“ sich Lenny gewissermassen von Deponie zu Deponie, rastete dort manchmal für einige Tage, und gelangte schliesslich in die Reisfelder am Guadalquivir nahe der Stadt Sevilla. Dort und auf der etwa 50 km weiter nördlich gelegenen Mülldeponie Burguillos überwinterte der Storch mit Tausenden Artgenossen, bevor er den Rückzug nach Basel antrat. Jahr für Jahr nutzte Lenny die gleiche Zugroute. In den sieben Jahren seit der Besenderung benötigte sie für den Herbstzug von Basel nach Sevilla durchschnittlich 32 Tage, den Rückzug bewältigte sie in kürzerer Zeit, in durchschnittlich 22 Tagen. Etwa 2000 Kilometer betrug die Strecke, die der Vogel zweimal jährlich, jeweils im Herbst und Frühjahr, zurücklegte.

Die Auswertung der besuchten Rastplätze und der Überwinterungsgebiete über die Jahre war in mancher Hinsicht erstaunlich. Fünf Deponien wurden praktisch bei jedem Herbstzug aufgesucht, und zwar in allen Jahren die gleichen. Einige große Deponien, die mindestens ebenso „ergiebig“ sind und von anderen Störchen regelmässig genutzt werden, wie Dos Hermanas bei Sevilla, Vaciamadrid bei Madrid und etliche kleinere Müllplätze, hat Lenny nie besucht. Ganz offensichtlich nutzte Lenny fast ausschliesslich diejenigen Deponien, die sie von früheren Zugbewegungen her kannte. Ein deutlicher Hinweis, dass Weissstörche eine ausgeprägte Rast- und Überwinterungsplatz-Treue besitzen. Dies erstaunt vor allem deshalb, weil Störche, die ins eigentlich typische Überwinterungsgebiet, den westafrikanischen Sahel ziehen, eine ganz andere Strategie verfolgen: Sie müssen extrem flexibel sein, um die von Niederschlägen abhängigen, jährlich wechselnden Bereiche mit reichem Nahrungsangebot (Heuschrecken), die manchmal Tausende Kilometer auseinander liegen, nutzen zu können.

Sollte sich nun herausstellen, dass Lenny tatsächlich verunglückt ist, dann wäre das ein grosser Verlust, nicht nur für die Forscher, dem Zoo Basel und weitere Partner des Projekts „SOS Storch“, sondern auch für die vielen Menschen, die Lennys Schicksal seit Jahren gespannt im Internet verfolgen.

Storch Schweiz, 26. Februar 2020

Dr. Holger Schulz, Projektleiter

Peter Enggist, Geschäftsführer Storch Schweiz

Zoo Basel, Dr. Friedrike von Houwald

Zurück